Berlin in Öl

Berlin in Öl

Berlin in Öl

Ein Kulissenblick hinter die Arbeit von Designer Markus Büsges.

„Jedes Mal neu. Jedes Mal anders“, verspricht das Gesellschaftsmagazin Dummy. Um dieses Versprechen zu halten, gibt es jede Ausgabe ein neues Thema, neue Designer und neue Autoren. Diese immer wieder neue kreative Melange macht Dummy zu etwas Besonderem im Zeitschriftenregal. Der Anspruch vom Oliver Gehrs, Gründer und Herausgeber der Zeitschrift Dummy, ist, Geschichten zu erzählen, die sonst keiner erzählt und sich traut abzudrucken.

Diesen Anspruch gibt er viermal im Jahr an die Kreativteams jeder Ausgabe weiter: „Liefert mir Geschichten, die ich noch nie gehört habe. Zeigt mir Bilder, die ich noch nie gesehen habe. Macht daraus ein Magazin, das für die Menschen da draußen ein neues Erlebnis ist“. Der Designer Markus Büsges nahm mit seinem Kollegen Björn Wolf die Herausforderung der 22. Dummy-Ausgabe an. Das Thema: Berlin. „Wir waren uns sicher, dass Berlin ein total geiles Thema ist“, erinnert sich Markus Büsges. „Es gibt so unglaublich viel zu sagen und zu zeigen. Sofort hatten wir Fotoserien von Hipster in Clubs und von Punks am Alex im Kopf. Dann haben wir angefangen zu recherchieren, was es schon alles zum Thema Berlin gibt“.

In der Recherche-Phase ist Markus Büsges wie ein Schwamm. Er saugt alles auf, was er zum Thema finden kann. Es gibt kein wichtig oder unwichtig. Kein richtig oder falsch. Die Neugier steht an erster Stellen des Problems, dass gelöst werden will, wusste schon Galileo Galilei. „Dass ist intensive Detektivarbeit“, sagt Markus Büsges „Man weiß nie, welches Detail für den ausschlaggebenden Impuls entscheidend ist“.

Irgendwann haben Markus Büsges und Björn Wolf festgestellt, dass bereits alles über Berlin gesagt und gezeigt wurde. Diese Erkenntnis war für sie sehr frustrierend. Aber sie haben nicht aufgehört zu suchen. Bis sie über einen Künstler gestolpert sind, der all ihre aufgestaute Kreativität entladen hat: Edward B. Gordon. Zum Zeitpunkt ihrer Recherche war Gordon ein relativ unbekannter Künstler. Er malte jeden Tag ein Ölbild von Berlin. Nicht als Auftragsarbeit, sondern zum Zweck der Selbstmotivation. Die beiden Designer haben sich die Bilder des Künstlers angesehen. Es waren hunderte. „Uns war schnell klar, dass wir irgendetwas über ihn oder mit ihm machen müssen“, erinnert sich Markus Büsges. Bei ihren Überlegungen, wie sie dem Magazin ein durchgängiges Aussehen verpassen können, kam plötzlich die verrückte Frage auf:

„Warum machen wir nicht das ganze Magazin nur mit Ölbildern? Das wäre doch mal total geil.“

Ihre Begeisterung für diese Idee ist jedoch schnell auf Widerstand gestoßen. „Das geht doch nicht“, haben alle gesagt. „Doch, das geht“, dachten die beiden kreativen Köpfe, „aber wie?“.
Also haben sie weiter geforscht. Alle Bilder gesichtet, sortiert und geordnet. Um zu sehen, ob es Bilder gibt, die schon zu den ersten fertigen Geschichten im Magazin passten. Es gab sie. Auf die Idee, das ganze Budget für Fotografie und Bildrechte in die Arbeiten von Edward B. Gordon zu investieren, antwortet der Herausgeber Oliver Gehrs nur: „Berlin ist auf jeden Fall eine Stadt, die es verdient hat, in Öl festgehalten zu werden.“

Am Ende kamen 70% der Bilder im Magazin aus dem Fundus von Gordon und 30% musste der Maler neu machen. Dass bedeutetet für ihn, fast einen Monat lang, jeden Tag, für die Berlin-Ausgabe der Dummy ein Bild zu malen. Es gab aber auch Bilder, wie die Serie der Müllarbeiter, die das Team so gut fanden, dass dafür extra ein neuer Artikel geschrieben wurde.

 

Die nächste Herausforderung war, die vielen tollen Bilder auf den Seiten optimal wirken zu lassen. Die Lösung haben Markus Büsges und Björn Wolf im 18. Jahrhundert gefunden. Sie nennt sich Petersburger Hängung. Dabei werden möglichst viele Bilder, möglichst nah beieinander angeordnet. „Zu einer klassischen Hängung von Bildern passt auch am besten eine klassische Konstruktion des Satzspiegels“, dachten die beiden Designer, “natürlich im goldenen Schnitt.“

 

Die gestalterische Freiheit in diesem Projekt ist aber auch nicht ganz ohne Spannung im Team verlaufen. Besonders die Frage: „Wie soll das Titelbild aussehen?“ erhitzte die Gemüter. „Bei einem Cover muss man sich für ein Motiv entscheiden. Ein Motiv, dass alles aussagt und die Leser motiviert, das Magazin in die Hand zu nehmen.

 

Bei dieser Entscheidung haben wir uns im Team total in die Haare bekommen“, gibt Markus Büsges zu.

 

Es gab über 25 verschiedene Titelentwürfe. Irgendwann hat es dem verantwortlichen Designer gereicht und er hat gesagt: „Okay, wir machen ein demokratischen Titel“. Und wieder war die Reaktion der anderen: „Das geht doch nicht“. „Doch, das geht“, warf Markus Büsges erneut ein. „Jeder sucht sich sein persönliches Lieblingsbild von Edward aus und wir zeigen sie alle. Es wird ein Cover mit Petersburger Hängung.“ Im Nachhinein betrachtet ein naheliegender und sehr guter Schritt. Der Weg dahin war allerdings äußerst steinig.

Am Ende gab der Erfolg dem Kreativ-Team recht. Die Berlin-Ausgabe der Dummy war schnell ausverkauft. Offenbar ist es, trotz oder wegen anfänglichen Zweifel, gelungen, einen ganz besonderen Spirit von Berlin einzufangen.

 

Link zur Dummy:
http://www.dummy-magazin.de

 

Link zu Markus Büsges:
https://www.xing.com/profile/Markus_Buesges/portfolio

 

ERNIE OFFENSIVE

ERNIE OFFENSIVE

Die Ernie-Offensive

»99,99 Prozent aller Grenzen sind nur im Kopf« stand auf einer kleinen Karte, die mir Designer Michael Zimmer aus Saarbrücken vor ein paar Jahren zu Weihnachten schickte.

Ich denke oft an diese Behauptung und weiß heute, dass Michael Zimmer recht hatte. Die Grenzen in meinem Kopf sind die größten Hindernisse in Leben — das erfahre ich immer wieder in meiner Arbeit als Designer und Trainer für Kreativität. Besonders der Glaube, etwas nicht richtig gut zu können, hält mich oft davon ab, meine schöpferische Kraft auszuleben. Als Kind hatte ich dieses Problem nicht, da hatte ich noch keine Angst etwas falsch zu machen oder die Erwartungen nicht zu erfüllen. Diese kreative Freiheit verblasste leider schnell im Laufe der Erziehung.

In meiner Schulzeit wurde ich dann perfekt auf das Prinzip von »richtig« und »falsch« konditioniert: Eine Leistung, die die Vorgaben erfüllt hat, war richtig und wurde gut benotet. Alles was den Erwartungen der Lehrer nicht entsprochen hatte, war falsch und wurde schlecht benotet. Die Angst vor einer schlechten Bewertung wurde fest in meinem Kopf verankert und beeinflusst auch heute noch mein Leben. Ich habe gelernt, dass es besser ist, nichts tun, als etwas, was den Erwartungen anderer nicht vollkommen entspricht.

Das zweite große Problem meiner Schulzeit war, dass ich dort nur meine linke Gehirnhälfte trainiert habe. Sie ist zuständig für Logik, Sprache und Zahlen. Für sie gibt es nur schwarz und weiß. Sie kümmert sich um die Details. Und das schön der Reihe nach. Dank der linken Gehirnhälfte herrscht Disziplin, Ordnung und Termintreue in unserem Bewusstsein. Diese Hälfte in meinem Kopf nenne ich Bert. Meine rechte Gehirnhälfte nenne ich Ernie. Ernie macht genau das Gegenteil von Bert. Ernie ist chaotisch. Er guckt sich lieber schöne Bilder an, als ein gutes Buch zu lesen und vergisst ständig die Zeit, bei Dingen, die ihm Spaß machen. Ernie interessiert sich nicht für die Details. Er hat den Blick fürs Ganze.

Zum Glück war ich in der Schule nie besonders diszipliniert, geordnet und fleißig. Meine Lehrer haben immer gesagt, ich sei ein Saisonarbeiter. Eine Saison Ernie. Eine Saison Bert. Meine Mutter habe ich damit oft zur Verzweiflung gebracht. Ich selber fand, es war eine gute Strategie, um die Schulzeit gut zu überstehen.

Ich glaube, wir kommen alle als Ernie in die Schule und verlassen sie als Bert. Ist das wirklich so? Ich wollte das überprüfen und habe zu Hause ein Experiment gestartet. Die Aufgabe: Zeichne ein Pferd. Zuerst habe ich meine Tochter gefragt. Alter: 4 Jahre. Bildungsstand: elterngeführter Kindergarten, rote Gruppe. Das Ergebnis: Ein wildes, buntes Bild mit einem tierähnlichen Wesen und anderem Zeug drumherum. Dann habe ich meinen Sohn gefragt. Alter: 9 Jahre. Bildungsstand: staatliche Grundschule, 3. Klasse. Das Ergebnis: Ein sorgfältig mit Bleistift gezeichnetes Pferd mit Reiter. Mittig auf dem Blatt. Mit seinem Namen drauf. Die Hinterbeine des Pferdes radiert und korrigiert. Deutlich zu erkennen: Bert hat die Kontrolle übernommen. Als letztes war meine Frau an der Reihe. Alter: 39. Bildungsstand: Abitur, Bankausbildung, Journalismus-Studium. Das Ergebnis: –
Das berühmte weiße Blatt Papier. Eine unüberwindbare Grenze. Komplette Erstarrung. Lieber nichts tun, als den selbst auferlegten Erwartungen nicht zu entsprechen. Fluchtgedanken. »Ich kann nicht zeichen,« war die Antwort. »Doch, Du kannst zeichnen. Jeder kann zeichnen. Glaube mir,« sagte ich. »Ok, ich beweise Dir, dass ich nicht zeichnen kann,« waren ihre Worte und sie legte los. Das Ergebnis: Ein Pferd. Ein Pferd, dass aussieht, als würde es eine Vollbremsung machen. Meine Frau war erstaunt und auch ein wenig stolz auf ihre schöpferische Leistung.

Kreativität ist die Fähigkeit, sich von allen Erwartungen frei zu machen und etwas zu erschaffen, was vorher noch nicht da war.

So wie das Pferd auf dem weißen Blatt Papier. Diese Transformation von gedanklicher Energie in wahrnehmbare Materie ist die Hauptaufgabe in einem Designprozess. Der Designer ist dabei der Wandler zwischen den Welten. Er muss sich die Dinge, die es noch nicht gibt, vorstellen und visualisieren können. Und zwar so konkret und verständlich, dass alle Beteiligten die gleiche Vorstellung davon haben, was es mal werden soll. Erst dann kann ein geordneter Plan im Detail terminiert und umgesetzt werden.

Wie weit darf ich als Kreativer gehen? Welche Vorgaben muss ich einhalten? Welche Grenzen darf ich auf keinen Fall übertreten? Mit diesen Fragen beginnt mein schöpferischer Prozess. Ich habe es schon oft erlebt, das sich Kunden am Anfang geniale, außergewöhnliche und aufmerksamkeitsstarke Ideen wünschen und am Ende nur Mut für eine ganz normale und sehr vernünftige Lösung haben. Das hat mich oft frustriert.

Irgendwann kam mir die Idee, den Entscheidungsprozess des Kunden umzukehren. Ich beginne mit der Entwicklung und Präsentation einer ganz vernünftigen Lösung, um am Ende eine originelle Idee durchzusetzen. Mit diesem Ansatz mache ich gute Erfahrungen.

Wie funktioniert das genau?

Als erstes stelle ich mir die Frage: »Wie sieht die langweiligste Lösung aus?« Die Antwort ist schnell visualisiert. Ganz ohne Denkblockaden. Das Ergebnis präsentiere ich dem Kunden und einige mich mit ihm darauf, das es das Mittelmaß darstellt, dass es zu brechen gilt. Wenn die Norm definiert ist, beginne ich mit den einzelnen Elementen zu spielen. Ich nehmen etwas weg, tausche aus und füge wieder etwas hinzu. Das mache ich solange, bis mir nichts mehr einfällt. Dann recherchiere ich, wie es andere bereits gemacht haben. Ich sammle die Elemente, die mir gefallen, fange an damit zu spielen und sie mit den bisherigen Entwürfen zu verknüpfen. Dann lasse ich alles mindestens eine Nacht liegen. Bisher war Bert der aktivere Part in meinem Kopf. Er hat die Norm festgelegt, Details gesammelt, Elemente zerlegt und wieder neu geordnet. Wenn Bert von der vielen Arbeit so müde geworden ist, dass er eingeschlafen ist, kann Ernie beginnen, sich auszutoben. Das passiert bei mir oft in der Nacht. Oder wenn ich mit dem Hund spazieren gehe. Auf jeden Fall immer dann, wenn ich nicht mehr aktiv über das Problem nachdenke. In diesen Momenten gibt es keine Grenzen im Kopf. Keine Vorgaben. Keine Erwartungen. Pure Kreativität. Die es, so schnell es geht, festzuhalten gilt. In Wort und Bild. Denn Sie ist genauso schnell wieder weg, wie sie gekommen ist.
Jetzt folgt die sensible Synthese der Bert-Ideen und der Ernie-Ideen. Ich mache ich eine Entwicklungs-Reihe, die ich mit dem Kunden abstimme und stelle wieder die Frage:

Wie weit darf ich als Kreativer gehen?

Der Artikel erschien zuerst im Magazin »Agenda Design«

 

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